Unaufhaltsam ins Zeitalter der Elektrizität
Die Transformation des Energiesystems geht vielen zu langsam. Die Powertage 2026 zeigen die Komplexität des Projekts – und dass die Schweiz trotzdem schon weit gekommen ist. Es geht um Technologie, Regulationen und einen intelligenten Umgang mit dezentralen Flexibilitäten.
Text: Bruno Habegger, energieinside.ch
Langsam? Zu langsam? Das Energiesystem der Schweiz wandelt sich, doch reicht die Zeit, um bis 2050 CO₂-neutral zu sein? Die Meinungen gehen auseinander, doch: Angesichts der Komplexität des Unterfangens sind wir doch ganz schön weit gekommen. Es sind nämlich viele Akteure beteiligt an dieser Operation am offenen Herzen einer Branche, von deren Zuverlässigkeit Wirtschaft und Gesellschaft abhängig sind. Die Powertage 2026 decken die zentralen Themen der Energiesystem-Transformation ab.
Die Schweizer Stromversorgung ist gefordert: Der Ausbau erneuerbarer Energien, steigende Elektrifizierung und zunehmende Systemkomplexität stellen Netzbetrieb, Markt und Regulierung vor neue Herausforderungen.
Technologiewechsel brauchen Zeit
Bei Technologiewechseln entstehen immer Ängste und damit Diskussionen, ob neue Methoden und Techniken genügten und ob man lieber nicht auf das Bewährte zurückgreifen solle. Das ist auch in anderen Bereichen der Wirtschaft so. Die ersten Personalcomputer wurden von der Industrie abgelehnt, die sich gerade an Grossrechner gewöhnt hatte, Kodak verpasste die Digitalfotografie und Nokia den Touchscreen.
Hätte die Schweiz damals Rücksicht auf die Ängstlichkeit des alten Systems genommen, würden wir immer noch mit Kohle heizen oder für den Heimweg Laternen anzünden. Stattdessen begann der Boom der Wasserkraft, gebrochen erst durch die zivile Nutzung der Atomkraft in den 1960er-Jahren. Dieser wiederum befeuerte ein Jahrzehnt später die Solarenergie, die jährlich wächst und heute auf Investorenseite die fossilen Energien überholt hat: Gemäss dem neuesten Bericht der Internationalen Energieagentur IEA verschieben sich die Kapitalströme nachhaltig hin zu erneuerbaren Energien.
In den letzten fünf Jahren sind denn auch 2300 GW Leistung installiert worden. Weltweit dürfte die installierte Leistung erneuerbarer Energien zwischen 2025 und 2030 um fast 4’600 GW zunehmen. «Tiefe Modulkosten, vergleichsweise effiziente Bewilligungsverfahren und eine breite gesellschaftliche Akzeptanz beschleunigen die Verbreitung der Solarenergie», schreibt die IEA. Dem stimmt auch Matthias Egli, Geschäftsführer von Swissolar zu: «Erfolgreiche Projekte zeichnen sich nicht nur durch intelligente Technik aus, sondern auch durch klare Verfahren, frühe Kommunikation, Akzeptanz vor Ort und verlässliche Rahmenbedingungen.»
Wasserkraft dominiert nach wie vor
Im Kleinen scheint dieser globale Trend nur verzögert anzukommen. Über Jahrzehnte war die Schweiz daran gewöhnt, Strom aus einer klar definierten Lieferkette zu beziehen, an deren Ursprung grosse Stromproduktionen standen. Mit dem Aufkommen dezentraler Produktionen auf den Dächern und Fassaden der Schweiz begann sich das System zu verändern – back to the roots sozusagen, denn auch die Wasserkraft war in ihren Anfängen eine dezentrale Form der Stromerzeugung. 1914 zählte man in der Schweiz über 6700 Kleinwasserkraftwerke. Durch neue Grosskraftwerke sank die Zahl auf heute noch über 1400.
Noch zu Beginn der 1970er Jahre stammte fast 90 % der inländischen Stromproduktion aus Wasserkraft. Dieser Anteil nahm durch die Inbetriebnahme der schweizerischen Kernkraftwerke bis 1985 auf rund 60 % ab und liegt heute bei rund 58,5 %. Nach wie vor ist die Wasserkraft damit die wichtigste einheimische Quelle erneuerbarer Energie.
Heute ergänzen höchst unterschiedliche Formen der Solarenergie die Wasserkraft. In den Alpen entstehen Grosskraftwerke, die einen wichtigen Beitrag zur Deckung der Winterstrom-Lücke leisten, jedoch: «Sie sind Generationenprojekte, und die Wirtschaftlichkeit bleibt selbst mit 60 % Investitionsbeiträgen eine grosse Herausforderung», sagt Gian Paolo Lardi, Verwaltungsrat und Geschäftsführer von Madrisa Solar, dem vor wenigen Monaten ans Netz gegangenen Solarexpress-Projekt.
Rückkehr zu einem dezentralen System
Mit dem neuen Wandel zur Dezentralität und dem beginnenden «Age of Electricity» tun wir uns noch etwas schwer. Alles nur eine Frage der Vorstellungskraft: «Imagineering» stellte vor zwei Jahren der Kultur- und Medienwissenschafter Jörg Metelmann in seinen vielbeachteten Vortrag in den Powertage-Raum: Imagineering verbinde die Vorstellung mit der Umsetzung. «Uns fehlt ein wenig der Möglichkeitssinn», konstatierte er im Interview mit energie inside. Kein Wunder, denn die Komplexität des Systems nimmt zu, technologisch wie finanziell.
Alles wird zur Flexibilität: Produktionen und Verbraucher passen sich im Takt der Verfügbarkeit von Strom und Marktpreis an das technische Bedürfnis des Stromnetzes an, in der 50-Hz-Balance zu bleiben. Dazu braucht es Daten, auch im Niederspannungsbereich, bisher ein blinder Fleck. «Vieles basiert hier noch auf Annahmen», sagt Dieter Maurer von Siemens Schweiz (17. Juni, 09 Uhr, Forum). «Transparenz der Energieflüsse ist aber sehr wichtig.» Über die Nutzung von Flexibilitäten in der Praxis referiert Christian Schubert, Geschäftsführer der ME2C GmbH (17. Juni, 14:30 Uhr, Speakers Corner).
Transparenz wird mit dem laufenden Ausbau der Smart Meter und immer mehr Verbrauchs- und Produktionsdaten hergestellt. Die Steuerung erfolgt durch Informationstechnologien. Damit eröffnen sich aber neue Angriffsflächen (16. Juni 2026, 11 Uhr, 17. Juni 2026, 15:30 Uhr, Speakers Corner). Digitale Netzführung schafft aber auch Resilienz: mit integrierten Plattformen, Echtzeitdaten und automatisierten Entscheidungen. Kai Schlabitz, Digital Grid Leader DACH von Schneider Electric, erzählt am Donnerstag, 18. Juni um 13:30 Uhr im Speakers Corner, wie das geht.
Mehr Markt wagen
Imagineering täte wohl auch Wunder in der öffentlichen Verwaltung, die die Regulierung regelt. Die Transformation des Energiesystems – wieviel Regulierung braucht sie? Eher weniger, schreibt Jan Flückiger, Bereichsleiter Public Affairs des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE in seiner Online-Kolumne: «Wie wollen wir als Gesellschaft die Transformation finanzieren – und wie können wir die Marktöffnung und den Wettbewerb dazu nutzen, um den Erneuerbaren weiter Schub zu geben? Ein erster, wichtiger Schritt dazu ist es, alte Zöpfe abzuschneiden und auf unnötige Regulierungen in der Grundversorgung zu verzichten.» Und Anschluss zu finden, wie Urs Meister, Geschäftsführer der ElCom am ersten Powertage-Tag vertiefen wird: «Eine stärkere Integration der Schweizer Kurzfristmärkte in die europäischen würde ihre Effizienz erhöhen.»
Das Stromabkommen, das derzeit im Rahmen der Bilateralen III in Bern diskutiert wird, sieht die Marktöffnung vor, neu auch für Verbraucher unterhalb der 100 MWh-Grenze. Ein Blick über die Grenze – wo die Märkte längst liberalisiert sind – zeigt, wie rasch die Nachbarstaaten den Ausbau von Wind-, Solar- und Wasserkraft vorantreiben. In Deutschland sind die Atomkraftwerke längst vom Netz und haben die Erneuerbaren das Szepter der Versorgungssicherheit übernommen.
«Das wahre Hemmnis», so Jan Flückiger, «sind die langen Verfahren, Einsprachen und lokal organisierten Widerstände.» Wie dramatisch die Auswirkungen sind, illustrierte ein Podium am diesjährigen Stromkongress. Es zeigte deutlich, dass der regulatorische Rahmen zunehmenden Druck auf die Branche ausübt. Die Umsetzung der neuen Anforderungen aus dem Stromgesetz erfordert erhebliche Ressourcen und verursacht schwer vorhersehbare Kosten, die letztlich die Verbraucher:innen tragen. Robert Itschner, CEO von BKW, verwies auf die zunehmende Komplexität: «Die Branche erstickt an Regulierungen.»
Mehr lokal wagen
Diesen Würgegriff zu lockern, wäre auch aus einem anderen Grund wichtig. Darauf weist Werner Jauch, CEO der energieUri-Gruppe hin: «Dezentrale Energieproduktion wie Windkraft und Wasserkraft liefert nicht nur wertvolle Winterenergie, sondern schafft auch konkrete wiederkehrende Wertschöpfung vor Ort – etwa durch Aufträge für das lokale Gewerbe oder die Betreiberunternehmen. Davon profitiert die Bevölkerung direkt, was die Akzeptanz solcher Energieprojekte stärkt.» Strom soll möglichst dort genutzt werden, wo er entsteht. Dies lässt sich durch Speicher, Energiemanagement und lokale Verbrauchsmodelle realisieren. «Dezentrale Produktion ist dann erfolgreich, wenn sie lokal gedacht und intelligent umgesetzt wird», sagt Matthias Egli von Swissolar. Werner Jauch fasst zusammen: «Die Herausforderungen und Lösungsansätze sind bekannt – jetzt braucht es Mut, Ausdauer und die Bereitschaft zur Innovation.»
Fachforen zeigen die Bandbreite der Energiesystem-Transformation
Die drei Fachforen der Powertage 2026 spannen den Bogen von der Regulation, den technischen Notwendigkeiten bis hin zu konkreten Projektbeispielen und ersten Learnings – relevant für alle Akteure der Energiebranche.
Im VSE-Fachforum des ersten Tages (16. Juni 2026, ab 9 Uhr) stellen sich Urs Meister, Geschäftsführer der ElCom und BFE-Direktor Benoît Revaz den kritischen Voten aus der Branche, während Martin Pflugshaupt, Vorstandsmitglied des VSE und des Dachverbands Schweizer Verteilnetzbetreiber aufzeigt, wie man die Regulierung meistert und Innovationen ermöglicht – denn die Energiesystem-Transformation geht weiter.
Die Herausforderungen im Netzbetrieb stehen im Zentrum des zweiten Tages. Das Electrosuisse Fachforum (17. Juni 2026, ab 9 Uhr) wendet sich der Digitalisierung auf der Niederspannungsebene zu und zeigt, wie IBC Energie Wasser Chur die gesamte Netzebene 7 unter Kontrolle genommen hat. Ebenso interessiert uns der Fortschritt mit Erneuerbaren am Beispiel des alpinen Solarprojekts Madrisa Solar.
Am dritten Tag bestimmt das Fachforum (18. Juni 2026, 9 Uhr) aus der Praxis mehrere Projekte, welche Erfolgsfaktoren den Unterschied machen. Ausserdem zeigen die Referenten, wie Leuchtturmprojekte den Weg über das stürmische Wasser der nächsten Jahre bis 2050 weisen.
Urs Meister | Geschäftsführer Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom
Referat: Schweizer Regelenergiemarkt zwischen Regulierung und Realität, Fachforum 16. Juni 2026
«Mit der wachsenden Menge an erneuerbarer Energie braucht es verstärkt Anreize, diese dann zu produzieren, wenn sie effektiv nachgefragt wird. Ebenso braucht es stärkere Anreize für die Marktakteure, die Erneuerbaren-Produktion möglichst genau und daher auch kurzfristig zu prognostizieren und allenfalls zu steuern, damit die nötige Menge an teurer Ausgleichsenergie reduziert werden kann. Parallel dazu sollte die Funktionsfähigkeit von Kurzfristmärkten wie dem Intraday-Handel oder Regelenergiemärkte gestärkt werden. In der Schweiz sind diese Märkte klein und weisen beschränkte Liquidität auf – eine stärkere Integration in die europäischen Märkte bzw. Plattformen würde ihre Effizienz erhöhen.»
Dieter Maurer | Head of Sales Electrification & Automation, Siemens Schweiz AG
Referat: IBC Energie Wasser Chur – Transparenz in der Netzebene 7, Fachforum electrosuisse, 17. Juni 2026
«Die Energieversorger müssen den wachsenden Energiebedarf bewältigen und erneuerbare Energien managen: Während die Mittel- und Hochspannungsnetze von der Digitalisierung profitieren, basieren in der Niederspannung (Netzebene 7) noch viele Aktionen auf Annahmen. Woher und in welche Richtung die Energieflüsse im Niederspannungsnetz fliessen, wissen viele nicht genau, die Transparenz ist daher sehr wichtig.»
Gian Paolo Lardi | Verwaltungsrat und Geschäftsführer Madrisa Solar, Leiter Assetmanagement Produktion | Repower AG
Referat: Projekt Madrisa Solar, Fachforum electrosuisse, 17. Juni 2026
«Alpine PV-Anlagen können einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der Winterstromlücke leisten. Sie sind Generationenprojekte, und die Wirtschaftlichkeit bleibt selbst mit 60 % Investitionsbeiträgen eine grosse Herausforderung.»
Matthias Egli | Geschäftsführer Swissolar
Referat: Innovationsprojekt Morgeten, Fachforum 18. Juni 2026
«Dezentrale Produktion ist dann erfolgreich, wenn sie lokal gedacht und intelligent umgesetzt wird: Strom soll möglichst dort genutzt werden, wo er entsteht. Dies lässt sich durch Speicher, Energiemanagement und lokale Verbrauchsmodelle wie LEG oder vZEV realisieren. Gleichzeitig steigert dies die Wirtschaftlichkeit von Photovoltaikanlagen und reduziert den Netzausbau. Entscheidend ist, dass Solarbranche, Energieversorger, Netzbetreiber, Gemeinden und Politik eng zusammenarbeiten.»
Werner Jauch | CEO energieUri-Gruppe
Referat: Windpark Uri als Erfolgsmodell, Fachforum 18. Juni 2026
«Die aktuellen und künftigen Herausforderungen in der Energiebranche sind bekannt – ebenso die Lösungsansätze. Jetzt braucht es Mut, Ausdauer und die Bereitschaft, innovative Wege zu gehen – ganz nach dem Motto: Es tun!»
Urs Meister | Geschäftsführer Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom
Referat: Schweizer Regelenergiemarkt zwischen Regulierung und Realität, Fachforum 16. Juni 2026
«Mit der wachsenden Menge an erneuerbarer Energie braucht es verstärkt Anreize, diese dann zu produzieren, wenn sie effektiv nachgefragt wird. Ebenso braucht es stärkere Anreize für die Marktakteure, die Erneuerbaren-Produktion möglichst genau und daher auch kurzfristig zu prognostizieren und allenfalls zu steuern, damit die nötige Menge an teurer Ausgleichsenergie reduziert werden kann. Parallel dazu sollte die Funktionsfähigkeit von Kurzfristmärkten wie dem Intraday-Handel oder Regelenergiemärkte gestärkt werden. In der Schweiz sind diese Märkte klein und weisen beschränkte Liquidität auf – eine stärkere Integration in die europäischen Märkte bzw. Plattformen würde ihre Effizienz erhöhen.»
Powertage 2026 – Treffpunkt für die Schweizer Stromwirtschaft
Dauer, Öffnungszeiten:
Dienstag, 16. bis Donnerstag, 18. Juni 2026, 9.00 – 17.00 Uhr
Ausstellungsfläche:
Halle 3 und Halle 4
Forum und Side Events:
Halle 6